
EDITORIAL
PALAIS BIRON NR. 25 | SOMMER 2017 3
Dr. Karl-Ludwig Kley,
Vorstandsvorsitzender
der Baden-Badener
Unternehmer Gespräche
Peter Mandelson, über viele Jahre Minister in der
Regierung von Toni Blair und der eigentliche Architekt
von New Labour, erinnerte kürzlich im Gespräch mit
dem 135./136. BBUG in London daran, wie erfolgreich
westliche Demokratien seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
über alle Regierungen und Parteien hinweg darin
waren, den Kapitalismus zu „zähmen“. Heute gälte es,
diesen historischen Erfolg auf die Zukunft zu übertragen:
Wie können wir die zum größten Teil noch unvorstellbaren
Potenziale heben, die die Globalisierung und
Digitalisierung bieten, und zugleich die Risiken mildern,
die sich aus ihnen für den Einzelnen ergeben?
Das Votum der Briten für den Brexit (der bei den BBUG
in London zwangsläufig das alles überwölbende Thema
war), die Präsidentschaftswahlen in Frankreich (bei
denen immerhin über 30 Prozent der Wähler im ersten
Wahlgang für Le Pen stimmten) und die Entscheidungen
von US-Präsident Trump allein in den ersten Monaten
seiner Amtszeit könnten nahelegen, dass wir tatsächlich
in eine Phase von neuen, globalen Verteilungskämpfen
eintreten. Dagegen weisen alle Statistiken über die weltweite
Entwicklung des Wohlstands darauf hin, dass es,
anders als vielleicht noch zwei oder drei Generationen
vor uns, nicht vor allem um materielle (Um-)Verteilung
geht, sondern um die Verteilung von Chancen und um
ganz neue Unwägbarkeiten für die Lebensplanung eines
jeden Einzelnen. Die sich aus diesen Unsicherheiten (und
aus der zunehmenden Instabilität ganzer Weltregionen)
nährenden Zweifel an dem Wert überstaatlicher politischer
und wirtschaftlicher Ordnungen – und damit auch
an dem Verhältnis zwischen Wirtschaft und Gesellschaft
– bekommen aber vor allem deshalb eine neue Virulenz,
weil sie sich mit einem seit langem unbekannten,
stark rückwärtsgewandten, antimodernistischen Impuls
verbinden. Das kann uns nicht gleichgültig sein, selbst
dann, wenn man die Motive für unbegründet hält.
Die Politiker und Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler,
die in unseren jüngsten Baden-Badener
Unternehmer
Gesprächen mit uns diskutierten, waren
sich über Parteigrenzen hinweg jedenfalls in dem Punkt
einig, dass es zukünftig vor allem darauf ankommt, die
Resilienz moderner Industriegesellschaften zu stärken
und deren Fähigkeit, Unsicherheiten auszuhalten,
Chancen zu erkennen und Veränderungsdruck in Veränderungsdynamik
zu übersetzen.
Was bedeutet das für die BBUG?
Zunächst einmal, dass wir die Programme inhaltlich
noch mehr auf die Querbezüge zwischen Wirtschaft, Politik
und Gesellschaft ausrichten und die uns befassenden
Themen ganzheitlich, das heißt noch bewusster aus der
Perspektive Dritter in den Blick nehmen wollen. Darüber
hinaus sollten auch die BBUG dazu beitragen, dass
zukünftige Wirtschaftsführer den Dialog mit anderen
Akteuren aus Gesellschaft und Politik suchen und dazu
ermuntert werden, den „Zeitgeist“ nicht anderen zu überlassen.
Schlussendlich mag eine nur scheinbar paradoxe
Schlussfolgerung für uns auch darin bestehen, dass wir
uns gerade wegen der Globalisierung wieder mehr auf
Deutschland und Europa konzentrieren müssen, das
heißt auf den gesellschaftlichen und politischen Raum,
auf dessen Geschicke wir, wenn überhaupt, konstruktiv
Einfluss nehmen können.
Herzlich
Ihr
Karl-Ludwig Kley
Liebe Baden-Badener,