
PALAIS BIRON NR. 25 | SOMMER 2017 47
Ich kann es immer noch nicht
glauben. Sahra Wagenknecht
hat Ende Januar
an der Universität
Siegen einen Vortrag
gehalten. Volles Haus. Thema: „Rückbesinnung
auf das Wirken Ludwig
Erhards“. Wie weit ist es eigentlich
gekommen, dass die oberste Linke
Deutschlands die soziale Marktwirtschaft
für ihre Zwecke missbraucht?
Was auf den ersten Blick absurd erscheint,
kann auf den zweiten Blick
gar nicht so sehr überraschen. Im
Bundestag vergeht kaum eine Rede zu
wirtschaftspolitischen Themen, ohne
dass sich der Redner aufschwingt,
seine Forderung sei „ganz im Sinne
der sozialen Marktwirtschaft“. Unser
gesellschafts
und wirtschaftspolitisches
Leitbild muss quasi für alles
herhalten, was einem opportun erscheint.
Kurzum: Unser Wirtschaftssystem
ist zu einem Feigenblatt
geworden,
mit dem sich mittlerweile alle
Parteien schmücken, während in der
Bevölkerung seit Jahren das Vertrauen
in unser Wirtschaftssystem
sinkt. Lag
der Zuspruch der Bevölkerung in unsere
Wirtschaftsordnung noch vor 20
Jahren bei knapp drei Vierteln, liegt
er heute nur noch bei etwa der Hälfte
der Deutschen. Da kann es auch nicht
darüber hinwegtrösten, dass andere
Wirtschaftsordnungen wie die Planwirtschaft
immer gescheitert sind.
Besonders die breite Mitte unseres
Landes hat den Eindruck, dass es nicht
mehr gerecht zugeht, dass einige wenige
von unserem Wirtschaftssystem
sehr stark profitieren, sie selber aber
zunehmend abgehängt werden. Dabei
handelt es sich aber nur um einen
scheinbaren Widerspruch. Denn wer
sich etwas genauer mit den Regeln
der sozialen Marktwirtschaft beschäftigt
und diese mit der Wirklichkeit
abgleicht, der erkennt: Diese Regeln
werden
inzwischen reihenweise verletzt.
Ludwig Erhard müsste sich bei
einigen Beschlüssen des Bundestages
eigentlich im Grabe umdrehen.
Foto: shutterstock 387251731
CARSTEN LINNEMANN
Ludwig Erhard
würde sich im Grabe
umdrehen