
FÜR DIE GRUPPE ANKER
UND KOMPASS,
SELBST EIN LERNENDER
THOMAS FISCHER ÜBER DIE ROLLE DES GESPRÄCHSLEITERS BEI DEN BBUG
Als mich Frank Trümper
ansprach, ob ich nicht
die Gesprächsleitung des
140. BBUG übernehmen
wolle, war meine Reaktion – zumindest innerlich
– zunächst verhalten: Drei Wochen
aus dem Kalender herauszuschneiden, ist
heute selbst für Menschen, die nicht mehr
an vorderster Front stehen, keine Kleinigkeit.
Und einen „Time-Turner“ wie bei Harry
Potter
hat auch die BBUG noch nicht entwickelt
– daran wird wohl noch gearbeitet …
Doch dann war da diese Neugier: Wie
denkt, was bewegt und woran orientiert sich
die heutige Generation von jungen Unternehmensleitern?
Wie haben sich die Inhalte
und das Format gegenüber meiner Zeit
weiterentwickelt? Und ist eine solche Gesprächsleitung
nicht eigentlich selbst eine
fantastische Zeitmaschine in die Zukunft –
die seltene Chance, noch einmal in die Rolle
von 20 Jahre Jüngeren zu schlüpfen und die
Welt mir deren Augen zu erleben?
Und dann meldete sich auch noch das Gewissen:
War es nicht an der Zeit, etwas zurückzugeben,
nachdem man selbst über so
viele Jahre so sehr von den BBUG und dem
daraus erwachsenen Netzwerk profitiert hat?
Ich brauchte nicht lange nachzudenken, um
der Verlockung zu erliegen, die ein solches
Angebot darstellt: Wann bekam man schon
– zumal im aktiven Berufsleben – ein zweites
Mal diese einzigartige Möglichkeit zum
Zuhören, Reflektieren, Diskutieren, Neu-
und Andersdenken, zum Austausch mit von
unterschiedlichen Kulturen und Erfahrungen
geprägten Menschen, die Chance zur
eigenen Justierung und Neuorientierung angesichts
der Flut von Informationen, Eindrücken
und Herausforderungen, die tagtäglich
auf uns einstürmen?
Keine Frage: Ein solches Angebot kann,
darf, sollte eigentlich niemand, der bei Verstand
ist, ausschlagen!
Was waren nun meine Beobachtungen und
Erkenntnisse aus drei Wochen Gesprächsleitung?
Die erste war sicher die, dass sich trotz aller
neuen Elemente und Formate, die in den
letzten Jahren die Baden-Badener Unternehmer
Gespräche aktuell, lebendig, relevant
und wertvoll gehalten haben, die Rolle des
Gesprächsleiters nicht wesentlich geändert
hat. Zumindest nicht im Vergleich zu meinem
115. Gespräch im Jahr 2004. Noch heute
ist der Gesprächsleiter, je nach eigenem
Charakter und persönlichen Präferenzen,
für die Gruppe Anker und Kompass, Takt-
und Stichwortgeber, Mediator und Zuhörer,
Animator und Sparringspartner, Coach
und Beichtstuhl. Natürlich entwickelt jede
Gruppe ihren eigenen Charakter, ihre eigene
Dynamik, ihre eigene Ausprägung. Aber
auch heute noch ist es die wohl vornehmste
Aufgabe des Gesprächsleiters (bzw. der Gesprächsleiterin!),
genau diesen Prozess aus
dem Hintergrund heraus sanft, umsichtig
und mit wohldosierten Interventionen zu unterstützen
und zu begleiten. Und dabei nicht
nur der Gruppe als Gruppe zur Entfaltung
ihres besten Potenzials zu verhelfen, sondern
auch jeder einzelnen Teilnehmerin und
jedem einzelnen Teilnehmer. (Gerade anfangs
galt es dabei, das humboldtsche Prinzip,
dass jeder den Mut zur eigenen Meinung
haben muss, in die Gruppe zu tragen.)
Die zweite, zwar theoretisch nicht überraschende,
in ihrer Unmittelbarkeit und Konkretheit
aber gleichwohl ungemein aufregende
und faszinierende Erfahrung war die, wie
sehr Führungskräfte ein Abbild ihrer Zeit
und deren Herausforderungen sind, einer
sich immer schneller ändernden Umwelt und
der damit verbundenen Unsicherheiten. Daraus
resultiert ein sich ändernder Anspruch
der Gruppe an das Gespräch, an die Themen
und Inhalte genauso wie an die Formen der
Kommunikation und Auseinandersetzung
– und damit auch an den Gesprächsleiter.
Mehr denn je sollte er heute möglichst noch
„Hautkontakt“ mit der Wirtschaft haben, um
der Gruppe nicht nur seinen reichen Erfahrungsschatz,
sondern auch eigene aktuelle
Erfahrungen aus seinem eigenen Management
und Führungsumfeld anbieten zu können.
Und dabei auch genauso viel persönliche
BBUG INTERN
92 PALAIS BIRON NR. 25 | SOMMER 2017