
DIGITALISIERTES LERNEN
DR. JÖRG DRÄGER
Jörg Dräger, Jahrgang 1968, erwarb an der Cornell University, New York, den
Master of Science (M.Sc.) und den Doctor of Philosophy (Ph.D.) in Theoretischer
Physik. Anschließend war er bei Roland Berger in Frankfurt tätig und leitete das
Northern Institute of Technology in Hamburg.
Von 2001 bis 2008 war Dräger (parteilos) Senator für Wissenschaft und Forschung
der Freien und Hansestadt Hamburg, Mitglied der Kultusministerkonferenz und
stellvertretendes Mitglied des Bundesrates. Von 2004 bis 2006 amtierte er zudem
als Senator für Gesundheit und Verbraucherschutz.
Seit 2008 ist Dräger Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, Geschäftsführer
des CHE Centrums für Hochschulentwicklung und begleitet junge Gründer in der
gemeinnützigen Founders Foundation. Zudem lehrt Dräger Public Management an
der Hertie School of Governance.
Krankenversicherungen
– höhere Gebühren
zahlen? In diesem Fall würde
man nicht für sein tatsächliches Verhalten
„bestraft“, sondern bereits für ein
statistisch, durch einen Algorithmus
vorhergesagtes.
Solche Szenarien sind keine
Science
Fiction. Bildungsinstitutionen
folgen bereits in der analogen Welt
ähnlichen Rationalitäten. Ein Beispiel
hierfür ist das amerikanische
Programm „No child left behind“,
das im Jahr 2002 staatliche Mindeststandards
für Schulen festlegte. Gelang
es den Einrichtungen nicht, eine
ausreichende Schülerzahl auf dieses
Level zu bringen, wurden sie finanziell
sanktioniert, der Schulleiter entlassen
oder gleich die ganze Schule
geschlossen. Die Reaktion: Die Lehrer
unterstützten insbesondere solche
Kinder, die zwar gerade unterhalb
des Mindeststandards waren, diesen
so aber mit hoher Wahrscheinlichkeit
zum Ende des Schuljahres noch
erreichen
konnten. Voraussichtlich
deutlich schlechtere oder deutlich
bessere Schüler wurden nicht mehr
gefördert; bei ihnen lohnte sich die
Anstrengung nicht. Solche Fehlanreize
hätten in der Welt von Big Data
und Algorithmen noch viel weitreichendere
Konsequenzen. Sie dürfen
sich deshalb keinesfalls wiederholen.
Damit Big Data nicht in den digitalen
„Wilden Westen“ führt, reichen
neue Gesetze nicht aus. Vielmehr
müssen Nutzer dazu befähigt werden,
informierte Entscheidungen darüber
zu treffen, wer ihre Daten wofür verwenden
darf. Mehr als bloßen Datenschutz
brauchen wir daher Datensouveränität.
Denn klar ist: Keiner will
die Datenkrake, die unbemerkt alles
über uns sammelt und verkauft. Aber
genauso wenig sollte die Angst vor
Missbrauch den für gute Bildung nötigen
Fortschritt verhindern. Gerade
hierzulande wird neuen Technologien
oft mit Angst begegnet. Doch statt
Angst brauchen wir Lösungen: Klare
Gesetze, souveräne Nutzer und Produkte,
die Wahlfreiheit im Umgang
mit den eigenen Daten erlauben.
Richtig genutzt, ermöglichen digitale
Werkzeuge einen Unterricht,
der jedem das Richtige und nicht
allen das Gleiche bietet – egal ob in
Lahore,
New York oder in Frankfurt,
egal ob Mathe-Genie oder mit
Deutsch-Förderbedarf. Eine Lehrerin,
die Lernsoftware einsetzt, bringt
das auf den Punkt: „Seitdem ich digitale
Medien nutze, muss ich nicht
mehr Standardwissen, sondern kann
Kinder unterrichten.“ Die Digitalisierung
gibt allen Beteiligten mehr Zeit
fürs Wesentliche – ein Allheilmittel
aber ist sie nicht. Natürlich können
siebenminütige Lernvideos keine
Persönlichkeitsbildung ersetzen und
Computertechnik nicht die Bindung
zwischen Lehrer und Schüler. Was sie
jedoch können, ist, Freiräume genau
dafür zu schaffen.
Foto: Bertelsmann Stiftung /Jan Voth
84 PALAIS BIRON NR. 25 | SOMMER 2017