
THORSTEN BENNER
PALAIS BIRON NR. 25 | SOMMER 2017 53
THORSTEN BENNER
Nur stellt sich die Frage, ob Unternehmensführer
das Spiel bei öffentlichen Terminen
mit Orbán wirklich mitspielen müssen?
Was zwang etwa Audi-Chef Stadler,
vor zwei Jahren bei einem Termin mit
dem Premier öffentlich zu betonen: „Wir
fühlen uns als Audi zu Hause in Ungarn“.
Warum zeigte sich Eckart von Klaeden,
Daimlers Leiter Politik und Außenbeziehungen,
bei einer Daimler-Veranstaltung
in Budapest noch im Mai dieses Jahres so
demonstrativ freundschaftlich mit Orbán?
Könnten deutsche Unternehmen nicht gerade
in EU-Staaten wie Ungarn und Polen
klarer Position beziehen gegen die Missachtung
demokratischer Gewaltenteilung,
das Vorgehen der Regierungen gegen die
unabhängige Zivilgesellschaft, Medien
und Wissenschaft? Könnten sie nicht
auch als Teil ihrer CSR-Aktivitäten ganz
bewusst unabhängige Medien, Bildungseinrichtungen
und NGOs unterstützen,
etwa auch durch einen gemeinschaftlichen
Fonds, um ein Zeichen zu setzen gegen die
Putinisierung inmitten der EU?
Auch im eigenen Interesse sollten deutsche
Unternehmen ein höheres Bewusstsein
für Versuche autoritärer Staaten wie
Russland und China enwickeln, auf liberale
Demokratien verdeckt und mit unlauteren
Mitteln Einfluss zu nehmen. Ein Geflecht
von Regierungsakteuren, Geheimdiensten,
Staatsunternehmen und Staatsfonds sowie
wohlhabenden Privatpersonen nutzt die
asymmetrische Offenheit unseres Politik-,
Wirtschafts- und Gesellschaftssystems aus.
Dabei helfen Banken, Bilanzprüfer, Lobbyisten,
PR-Berater und Anwälte als Dienstleister,
um Zugänge zu vermitteln und
Reputationen zu erhöhen. Bislang werden
diese Aktivitäten vonseiten der Öffentlichkeit,
aber auch vonseiten der Unternehmen
nicht kritisch genug bewertet. Dies sollte
sich auch deshalb ändern, weil, wie wir inzwischen
wissen, eine engere wirtschaftliche
Verflechtung mit Staaten wie Russland
und China entgegen unseren Hoffnungen
aus den letzten Jahrzehnten nicht oder nur
sehr wenig zu einer Liberalisierung in diesen
Staaten beigetragen hat.
Dass das Versprechen „Wandel durch
Handel“ sich nur allzu oft nicht erfüllt
hat, zwingt Unternehmen gegenüber
der Öffentlichkeit und ihren Stakeholdern
umso mehr dazu, heute ein höheres
Problembewusstsein bei der Gestaltung
ihrer Geschäftsbeziehungen mit autoritär
regierten Staaten zu entwickeln. Das
heißt nicht, dort keine Geschäfte mehr
zu machen. Aber es sollte bedeuten, sich
nicht als Feigenblätter für Autoritarismus
herzugeben, wie es Unternehmensführer
von Nestlé, Novartis, Axa und Vodafone
jüngst in der PR-Kampagne „My Turkey
Story“ für Erdogans Türkei taten.
Vor genau 20 Jahren befürchtete
Ralf Dahrendorf: „Ein Jahrhundert
des Autoritarismus ist keineswegs die
unwahrscheinlichste Prognose für
das 21. Jahrhundert“. Zu verhindern,
dass Dahrendorfs
Sorge zumindest in
Europa
Realität wird, sollte auch das
ausdrückliche Ziel deutscher und europäischer
Unternehmen und ihrer Führungskräfte
sein.
Thorsten Benner (43) ist Direktor des Global Public Policy Institute (GPPi) in
Berlin,
einem gemeinnützigen und unabhängigen Thinktank für globale Politik.
Bevor er 2003 das GPPi mitbegründete, war er für das Entwicklungsprogramm
der Vereinten Nationen (UNDP) in New York, die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige
Politik in Berlin sowie das Global Public Policy Project in Washington
DC tätig. Er unterrichtet an der Hertie School of Governance in Berlin und ist
Mitglied des Aufsichtsrats der Make.Org Foundation sowie des Beirats von Zahnräder,
einer
Plattform muslimischer Sozialunternehmer. Er studierte Politikwissenschaft,
Geschichte
und Soziologie an den Universitäten Siegen, York (UK) und
der University of California at Berkeley. Als McCloy-Stipendiat absolvierte er zudem
ein zweijähriges Master-of-Public-Administration-Programm an der Harvard
Kennedy
School of Government.
Foto: GPPi