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JÖRG DRÄGER
Individuelles Lernen
durch
Digitalisierung
Wie Laptops und Smar tphones im Klassenzimmer sich vom
Wissensvermit tler zum persönlichen Lernbegleiter entwickeln, erläuterte
der Bildungsexper te dem 140. BBUG. Lehrer gewinnen so mehr Zeit
für das Wesentliche: individuelle Förderung und Persönlichkeitsbildung
Unterschiedliche Talente, Kenntnisse
und Erfahrungen – so verschieden wie
der Mensch ist, so lernt er auch. Selbst
wenn alle das gleiche Lernziel erreichen
müssten, so wären Weg, Stil und
Tempo dorthin höchst unterschiedlich.
Die heutigen Bildungssysteme nehmen
darauf aber wenig Rücksicht. Egal ob
Schule, Hochschule oder Weiterbildung:
Alles ist weitgehend standardisiert und
vereinheitlicht. „Du bist zwölf, es ist
Herbst, also ist Bruchrechnen dran“, beschreibt
der Journalist Jürgen Schaefer
diese Schwäche des Bildungswesens.
Die Standardisierung ist Konsequenz
und Preis einer der größten Errungenschaften
unserer Gesellschaft – des Bildungszugangs
für alle. Bis Wilhelm von
Humboldt die Bildung demokratisierte,
ließen Adel und wohlhabende Bürger
ihre Kinder von Privatlehrern erziehen,
der Rest der Gesellschaft blieb unwissend.
Die einen lernten somit äußerst
personalisiert, die anderen gar nicht.
Humboldt wollte mehr Gerechtigkeit:
Das Modell des Privatlehrers ließ sich
aber nicht für alle verwirklichen, weder
gab es dazu genug Pädagogen noch war
das auch nur ansatzweise finanzierbar.
So entstand unser allgemeines Schulwesen.
Das führte jedoch zwangsläufig
zu einer Vereinheitlichung der Inhalte,
Lernwege und Vermittlung. Aus der
einst persönlichen Förderung für wenige
durch den Privatlehrer wurde notgedrungen
eine Massenbildung für alle.
Dass diese Massenbildung nötig ist,
steht heute außer Frage: Bildung ist
Grundlage für ein selbstbestimmtes
Leben. Das Ideal: Wer gut ist, kommt
weiter – egal, wo er herkommt. Was
bisher als hehrer Traum bildungspoliti-
80 PALAIS BIRON NR. 25 | SOMMER 2017